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112 und 110 - Notruf auch für Hörgeschädigte

Auf ein Wort...

Totgeglaubte leben länger

oder 
Leider noch kein barrierefreier
Hörgeschädigten-Notruf!

Was hat der Menschen heutzutage nicht alles für Möglichkeiten! Er kann reisen, wohin er möchte. Fährt mit dem Auto von einem Ort zum nächsten. Ja, er hat es sogar schon vollbracht, seinen Fußabdruck auf dem Mond zu hinterlassen, mit - im Vergleich zu heute - doch recht einfachen technischen Mitteln. Heute ist die Technik weit fortgeschritten. Die Kommunikation zwischen Menschen ist unspektakulär einfach geworden, dank Handy, Smartphone, Tablet und Co.. Die Digitalisierung macht heute viele Dinge einfacher und zum Teil erst möglich. Für alle Menschen? Nein, leider nicht wirklich! Gäbe es da nämlich nicht die ca. 14 Millionen Schwerhörigen und gut 80.000 Gehörlosen in Deutschland.

Anfang der Jahrtausendwende hat der Deutsche Schwerhörigenbund e. V. (DSB) angefangen, sich ganz intensiv mit dem Thema „Notruf für Hörgeschädigte“ zu beschäftigen. Damals stellte man schnell fest, dass es diese Möglichkeit im Prinzip gar nicht gab. Ganz vereinzelt boten Leitstellen die Möglichkeit an, sich im Notfall per Schreibtelefon zu melden. Diese Möglichkeit hat sich aber nie durchgesetzt. Die Leitstellen haben daraufhin nach und nach die Schreibtelefone wieder abgeschafft.

In Zusammenarbeit mit verschiedenen großen Berufsfeuerwehren in Deutschland, allen voran der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main, wurde schließlich vom DSB die Möglichkeit verfolgt, einen Notruf per Telefax an eine Leitstelle zu senden. Bei diesen Bemühungen wurde von Anfang an sehr großen Wert darauf gelegt, dass ein solches Notfall-Telefax auch direkt an die in Europa weitgehend einheitliche Notrufnummer 112 oder die nationale Notrufnummer 110 geschickt werden konnte. Bis es endlich soweit war, vergingen einige Jahre und es mussten zunächst der § 108 im Telekommunikationsgesetz (TKG) und die Notruf-Verordnung (NotrufV) entsprechend angepasst werden. Heute ist es in der Regel möglich, jede Leitstelle der Polizei oder Feuerwehr mit einem Notfall-Telefax – Vordrucke gibt es in 14 europäischen Sprachen - direkt über die beiden Notrufnummern (112/110) zu erreichen. Zumindest fast alle…

Zwischenzeitlich hat die Technik wieder einen großen Sprung gemacht. Das Telefax ist eigentlich gar nicht mehr zeitgemäß. Neue kommunikative Zeiten sind angebrochen. Hörgeschädigte möchten daher auch von unterwegs einen Notruf absetzen können. Dafür hat eine Ministeriumsarbeitsgruppe, die Expertengruppe Notruf (EGN), jahrelang an einer bundesweit einheitlichen Notruf-App gearbeitet. Der DSB hat daran tatkräftig mitgearbeitet. Nach gut 6 Jahren Arbeit und Vorbereitung wurde das Vorhaben schließlich wieder eingestellt, weil es Schwierigkeiten gab. Zum Beispiel mit den unterschiedlichen Betriebssystemen der Handys, Smartphones und Tablets. Außerdem verbietet das TKG im besagten § 108, dass außer Telefon und Fax andere Notrufkanäle erlaubt sind. Aber das hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag versprochen, in der laufenden Legislaturperiode zu ändern:

„Wir fördern die Entwicklung und den Einsatz von bundesweiten Warn- und Informationssystemen, mit denen Bürgerinnen und Bürger per SMS, E-Mail oder über eine App über Unfälle, Gefahren und Katastrophen informiert werden können. Wir führen Systeme ein (z. B. eine zentrale Nummer für SMS-Notrufe oder eine Notruf-App) und ändern das TKG so, dass sich Menschen in einer Notsituation bemerkbar machen und Hilfe anfordern können, ohne zurückgerufen werden zu müssen. Im digitalen Zeitalter hat sich die Art der Kommunikation grundlegend verändert und die Menschen tauschen sich online auf diversen Plattformen aus.“

Bisher tut sich da aber gar nichts. Und so bleiben uns Hörgeschädigten aktuell eigentlich gar nicht so viele Möglichkeiten, wie wir im Fall eines Notfalls rasch Hilfe rufen können:

  • Von zu Hause aus, und das betonen die deutschen Leitstellen immer wieder, bleibt und ist das Notfall-Telefax für Hörgeschädigte die 1. Wahl, wenn sie einen Notruf melden müssen.
  • Die SMS-Nothilfe wird deutschlandweit nur von einigen wenigen Leitstellen oder in ganz wenigen Bundesländern angeboten. Ein SMS-Nothilfe-Ersuchen kann zudem nicht direkt an die 112 oder 110 gesendet werden und besteht daher aus einer über 10-stelligen Rufnummer.
  • Notrufe über TeSs sind auch möglich. TeSs hat so einen Notrufdienst aufgebaut. Leider steht er aber nur von 8.00 bis 23.00 Uhr zur Verfügung.
  • Notruf-Apps, die wirklich auf die Bedürfnisse Hörgeschädigter zugeschnitten sind, finden sich im Wirrwarr der im Netz angebotenen Notruf-Apps ganz selten. Aber Notrufe über solche Apps laufen auch nicht direkt bei einer Leitstelle der Polizei oder Feuerwehr auf, sondern „kommerzielle Abfragestellen“ sind zwischengeschaltet. Von dort muss der Notruf über eine normale Amtsleitung an die zuständige Leitstelle weitervermittelt werden. Es ist derzeit auch nicht sichergestellt, dass es solche Notruf-Apps in unterschiedlichen europäischen Sprachen gibt.

Die kommerziellen Anbieter von Notruf-Apps versuchen seit einiger Zeit intensiv, ihr Produkt bei den politisch Verantwortlichen zu vermarkten. Jedoch haben sie damit kaum Aussicht auf Erfolg. Dafür müssten zunächst das TKG und die NotrufV wieder geändert werden. Darüber hinaus sind die Leitstellen aktuell gar nicht in der Lage, Notrufe über solche Notruf-Apps zu empfangen oder zu bearbeiten. Und, ein ganz wesentlicher Aspekt ist, dass solche Apps nicht nur bei dem einzelnen Anruf sondern mit monatlichen Bereitstellungsgebühren kostenpflichtig sind. Das läuft dem Notrufgedanken zuwider, da ein Notruf in Deutschland grundsätzlich kostenlos ist.

Wir müssen also zum jetzigen Zeitpunkt klar erkennen, dass die Bundesregierung ihr Vorhaben, hörgeschädigte Menschen voll ins deutsche Notrufsystem zu integrieren, weiter vor sich her schiebt. Hörgeschädigte Menschen sind nach wie vor nicht wirklich im deutschen Notrufsystem integriert. Und schon jetzt ist abzusehen, dass sich das vor 2018 nicht ändern wird. Bis dahin sollen dann alle Leitstellen voll digital arbeiten, wodurch sich wiederrum neue technische Möglichkeiten bieten sollen.